4. Oktober 2013

Taublindendemo - Deutschland ein Entwicklungsland

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Mehrere hundert Taubblinde Menschen demonstrierten heute in Berlin für ihre Rechte, insgesamt zählten wir rund 600-700 Teilnehmer. An symbolische Eisenkugeln gekettet zogen sie vom Reichstag zum Potsdamer Platz und forderten, dass ihre Isolation mit den dringend nötigen Hilfen aufgebrochen wird. Es war die erste Demo taubblinder Menschen weltweit. Um auch ohne Hör- und Sehvermögen ein menschenwürdiges Leben führen zu können, brauchen Taubblinde persönliche Assistenz, Dolmetscher, Reha-Angebote und besondere Hilfsmittel. Ein spezielles Merkzeichen im Behindertenausweis würde es erleichtern, solche Hilfen zu bekommen. Die werden den Betroffenen bisher weitgehend versagt. In einem Brief des Kanzleramtes zur Demo heißt es: "Die Bundeskanzlerin nimmt die Anliegen und Anregungen taubblinder Menschen sehr ernst ... Mit einem eigenständigen Merkzeichen kann dokumentiert und ein Bewusstsein geschaffen werden, dass es sich bei Taubblinden um eine Behinderung eigener Art handelt. Auch zu einer besseren Sensibilisierung bei den Ansprechpartnern in den Behörden wird ein Merkzeichen beitragen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales wird deshalb die Gespräche dazu mit den Ländern fortsetzen."

Taubblinde Menschen übergaben Ihre Forderungen, eine Eisenkugel mit Kette und eine Kerze mit der Aufschrift "Taubblinde in Isolationshaft" an das Kanzleramt. Dieter Zelle von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden sprach in eindringlichen Gebärden: "Wollen wir weiter gefangen bleiben? Nein, nein, nein! Wir machen die weltweit erste Taubblindendemonstration. Ist das ein Grund stolz zu sein? Nein, es ist eine Blamage. Deutschland ist reich, aber was Assistenz für uns angeht, sind wir ein Entwicklungsland."

Für Irmgard Reichstein von der Stiftung taubblind leben ist es menschenrechtswidrig, wie taubblinde Menschen in Deutschland leben müssen: "Wir fordern dass der tägliche Verstoß gegen die Grundrechte und gegen die UN-Konvention zu den Rechen von Menschen mit Behinderung schnellstens abgestellt wird."

Katrin Dinges, die für den DBSV im gemeinsamen Fachausschuss hörsehbehindern/taubblind mitarbeitet, berichtet aus Ihrem Alltag: "Ich fühle mich ausgeschlossen, weil Taubblindheit praktisch nicht bekannt ist. In anderen Ländern ist längst anerkannt, dass ich auch mit geringem Hörrest schon Bedarf wie eine Taubblinde habe. Hier werde ich aber meist nur als Blinde behandelt."

Selbst die Präsidentin der europäischen Taubblindenunion EDBU Sanja Tacazacay kam extra aus Kroatien und rief den Teilnehmern zu: " Ihr seid nicht allein! Sogar in Kroatien bekommen wir persönliche Assistenz. Das muss in Deutschland auch so werden."

Bisher ist die Einführung des Merkzeichens an bürokratischen und parteipolitischen Hürden gescheitert. Mit der heutigen Demonstration haben taubblinde Menschen gezeigt, dass sie sich nicht abwimmeln lassen, dass die Politik weiter gefordert ist und handeln muss.

Link zu aktuellen Veröffentlichungen zur Demo

demo ansprache dieter

 

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